Der ganze 'Corona'-Fortsetzungsroman
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Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben exklusiv aus gegebenem Anlass einen Fortsetzungsroman für Sie und uns. Das Prinzip des Fortsetzungsromans ist einfach: Die Autorinnen und Autoren schreiben miteinander - nacheinander an einer Geschichte. Für jede Folge übernimmt eine neue Autorin/ein neuer Autor, schreibt einen Teil - und nennt ein Wort, das der oder die nächste Schreibende in den Text einbauen soll; dann wird der «Stab» an die Kollegin/den Kollegen weitergegeben. Inhaltliche Vorgaben gibt es keine - alle Mitschreibenden dürfen ihrer Fantasie freien Lauf lassen.
Auf dieses Abenteuer eines Staffettenschreibens liessen sich ein: Bas Böttcher, Monica Cantieni, Martina Clavadetscher, Zsuzsanna Gahse, Sascha Garzetti, Jürg Halter, Jan Koneffke, Judith Kuckart, Joël László, Demian Lienhard, Simone Meier, Andreas Neeser, Stephan Pörtner, Jaroslav Rudiš, Ralf Schlatter, Ruth Schweikert, Nathalie Schmid, Monique Schwitter, Bettina Spoerri und Michael Stavarič.
Die ersten neunzehn Folgen unseres Fortsetzungsromans können Sie hier nachlesen. Sie stammen aus den Federn von Jaroslav Rudiš, Monica Cantieni, Judith Kuckart, Michael Stavarič, Zsuzsanna Gahse, Nathalie Schmid, Andreas Neeser, Bettina Spoerri, Joël László, Ralf Schlatter, Jürg Halter, Demian Lienhard, Simone Meier, Bas Böttcher, Monique Schwitter, Martina Clavadetscher, Jan Koneffke, Ruth Schweikert und Sascha Garzetti.
Das Wort, das Stephan Pörtner für die letzte Folge auf Wunsch von Sascha Garzetti in seinen Text einbauen sollte, lautete «Kunstpause».
Hier die Folge 20 von Stephan Pörtner
«Wie davongelaufen?» fragt derjenige von uns, der jetzt Rentner ist.
«Zur Tür hinaus und einfach davongelaufen», sagt derjenige von uns, der als Gefängniswärter arbeitet und macht eine Kunstpause. «Die Sache bleibt unter uns. Verstanden?»
Wir nicken und überlegen, wem wir die Geschichte als erstes erzählen werden.
«Vor ein paar Tagen, nach Feierabend musste ich meiner Tochter etwas bringen.»
«Was bringen?»
«Einen Brief.»
«Was für einen Brief?»
«Das erkläre ich später», sagt der Gefängniswärter. «Weil die Sauna geschlossen ist, habe ich bei ihr ein Bad genommen, bei uns kein Warmwasser, wisst ihr ja. Sie hat meinen Schlüssel aus der Jackentasche gefischt, ist zum Gefängnis gefahren und hat die Zelle des Marathonläufers aufgeschlossen. Er ist einfach davongelaufen, der Strasse entlang, bis er verschwunden war.»
«Woher weisst du das?»
«Die Nachbarn haben es gesehen. Die Nachbarn sehen alles. Sie haben mir alles berichtet und ich fuhr zu dem Haus mit den braunen Augen und musste feststellen, dass sie auch weg war.»
«Davongelaufen», sagt der Rentner.
«Gefahren, das Auto ist verschwunden. Sieht so aus, als sei sie aus dem Kreisverkehr ausgebrochen.»
«Mit dem Hautarzt?»
«Wer kann das wissen?»
«Die beiden werden bald geschnappt», sagt derjenige von uns, der sonst nichts sagt.
«Sie werden nicht einmal gesucht. Stell dir vor, ihr Mann, der Säufer, hat nach einer intensiven Unterredung mit der Polizei, die Tage, nachdem ich sie gerufen habe, endlich auftauchte, gestanden, dass er es war, der den Liebhaber der Frau des Hautarztes mit dem Bierhumpen erschlagen hat.»
«So ein Unsinn, der war doch an dem Abend gar nicht in der Kneipe. Die Zeugen …»
«Verkommene Subjekte, allesamt besoffen. Haben sich eben getäuscht, das werden sie schon einsehen. Die Zelle ist wieder besetzt und keiner rennt den ganzen Tag von Wand zu Wand. Alles ist so, wie es sein muss.»
«Ausser das mit der Sauna», sagt derjenige, der sich um das Fussballstadion gekümmert hat und jetzt Rentner ist.
*
Dies ist die letzte Folge unseres Fortsetzungsromans. Ein grosses Dankeschön an alle Mitschreibenden für diese wilde, lustige und höchst unterhaltsame Geschichte mit viel schrägem Personal!
Stephan Pörtner, geboren 1965, ist Schriftsteller und Übersetzer in Zürich, wo seine sechs Krimis mit Köbi Robert, dem Detektiv wider Willen, spielen. Der letzte Band Pöschwies wurde von der Literaturkommission des Kantons Zürich mit einem Werkbeitrag ausgezeichnet, für Stirb, schöner Engel erhielt er den Zürcher Krimipreis. Für das Strassenmagazin Surprise schreibt er die Kolumne Tour de Suisse, für die WochenZeitung Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen und für das Schweizer Radio Hörspiele. Er hat unter anderem Werke von Peter Hook (Joy Division/New Order), Tony O'Neill und Marjane Satrapi übersetzt.
Sein Stück Der Wolf im Sihlwald wurde 2017 vom turbine theater in einer Freilichtaufführung im Wildnispark Zürich Sihlwald uraufgeführt. Er ist Ko-Autor der Komödien Polizeiruf 117 und Die Bank-Räuber. www.stpoertner.ch
Stephan Pörtner. Foto: zVg.