Neue Schweizer Lyrik bei den Neonfischen 2020
Am 4. Lyrikfestival Neonfische am 7./8. März waren sechs Schweizer Lyrikerinnen und Lyriker zu Gast:
Flurina Badel - für tinnitus tropic mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet
Eva Maria Leuenberger - für ihr Debüt dekarnation mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichnet
Nathalie Schmid mit ihrem neuen Lyrikband Gletscherstück
Franz Dodel - der seit bald zwei Jahrzehnten an seinem kühnen Endlospoem Nicht bei Trost arbeitet
Sascha Garzetti mit seinem Lyrikband Mund und Amselfloh
Markus Bundi mit seinem Lyrikband Ankunft der Seifenblasen
Programm des Lyrikfestivals als PDF
Flurina Badel
Für ihren ersten Gedichtband tinnitus tropic hat die aus Lavin stammende Autorin Flurina Badel einen der nationalen Schweizer Literaturpreise 2020 erhalten. Die Lyrikerin, die sowohl in Rätoromanisch wie in Deutsch schreibt, präsentiert hier einen faszinierenden Gedichtband. «Die fein ausgearbeiteten und ausdrucksvollen Texte zeugen von einer intensiven und innovativen Beschäftigung mit der Sprache. (...) In einer Art Road Trip durch die Widersprüche und Widrigkeiten des Individuums und der Welt erzeugt die Autorin eine starke Spannung und eine ganz besondere Dynamik», lobte die Jury.
Flurina Badel tritt am Lyrikfestival zwei Mal auf:
Sa, 7. März, 13.30h: Rätoromanische Lyrik übersetzen mit Flurina Badel und Rico Valär
Sa, 7. März, 17.00h: Neue Schweizer Lyrik von Camille Luscher (exklusiv!) vom Deutschen ins Französische übersetzt: Texte von Eva Maria Leuenberger, Nathalie Schmid, Flurina Badel
Eva Maria Leuenberger
Leuenbergers bildstarkes Debüt dekarnation, für das sie mit dem Basler Lyrikpreis 2020 ausgezeichnet worden ist, besteht aus vier Zyklen. Sie erdichtet sich fortschreibende Geschichten, indem Themen und Motive innerhalb der Zyklen verbunden und variiert werden. Die Texte vibrieren und pulsieren, die Worte beleben Tal und Moor, Schlucht, Bach und Wald. der wind in den bäumen krallt / auf der haut, und nur die nacht / ist sicher / da sind die fenster offen: / atmen die luft, als wäre sie frei. Mächtig, lebendig und immer in Bewegung zeigt sich die Natur. Klingt ein letztes Mal ein Laut aus dem Körper des Menschen, ist er bereits dabei, zu verstummen. Die Stimmen der Toten klingen lautlos und dringen in die Stille der Natur; ein Körper im Fluss findet langsam zur eigenen Hand, während Schicht für Schicht die Dekarnation voranschreitet.
stell dir vor / die haut fällt von dir ab / wie die rinde / einer anderen zeit / am rückgrat wachsen / blätter
Die Auftritte von Eva Maria Leuenberger am Lyrikfestival:
Sa, 7. März, 10.30 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Nico Bleutge, Eva Maria Leuenberger, Sascha Garzetti
Sa, 7. März, 17.00 Uhr: Neue Schweizer Lyrik vom Deutschen ins Französische übersetzt mit Eva Maria Leuenberger, Nathalie Schmid, Flurina Badel und der Übersetzerin Camille Luscher
Nathalie Schmid
Die Gedichte von Nathalie Schmid in ihrem neuen Lyrikband Gletscherstück erzählen von der Gleichzeitigkeit und der Polarität unseres Daseins. Sie stossen in Tiefen vor, in denen Gewissheiten rasch verblassen. Sie widmen sich einem Personal, dessen Erfahrungs- und Traumwelten von Schönheit und Unsicherheit erzählen. Nathalie Schmid, 1974 geboren in Aarau, ist nach ihrem Maturaabschluss durch Nord- und Zentralamerika gereist und hat anschliessend eine Ausbildung am Deutschen Literatur Institut in Leipzig abgeschlossen.
Das Bellen der Hunde früh morgens
wenn sie gefüttert werden holt mich
aus den Untiefen der Träume
die ich dir am Holztisch erzähle in Splittern
und von Schweigen umhüllt. Träume wie
Hochhäuser die brennen
und gleichzeitig voller Licht sind.
(aus Gletscherstück)
Eine lobende Besprechung auf fixpoetry zu Gletscherstück.
Nathalie Schmid tritt am Lyrikfestival zwei Mal auf:
Sa, 7. März, 17.00 Uhr: Neue Schweizer Lyrik vom Deutschen ins Französische übersetzt mit (und Texten von) Eva Maria Leuenberger, Nathalie Schmid, Flurina Badel und der Übersetzerin Camille Luscher
So, 8. März, 16.00 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Nico Bleutge, Markus Bundi, Nathalie Schmid
Franz Dodel
Seit 2002 arbeitet Franz Dodel an einem nicht endenden Gedicht - dem kühnen Projekt hat er den Titel Nicht bei Trost gegeben. Der Text mit strenger Zeilenfolge war anfänglich als Internetarbeit gedacht, doch mittlerweile haben die einzelnen Teile in Print-Ausgaben Eingang gefunden, und das Bildmaterial wurde auch zeichnerisch umgesetzt. Nicht bei Trost. Capricci hat der Autor die Zeilen 30001 bis 36000 genannt, die 2019 auch in Buchform erschienen sind, als sechster Teil des seither weiter gewachsenen Werks.
Es geht auch darum, das Ziel so weit hinauszuschieben, dass es aus dem Blick fällt. Das passt nicht in unsere Zeit, die zum kurzfristigen, schnellen Erreichen von möglichst vielen, klar definierten Zielen verpflichten will. Ein Ziel in unendlicher Ferne, also ein unerreichbares Ziel, entlastet uns (...).
(aus den Notizen von Franz Dodel zu seinem Endlos-Gedicht)
die Fremde verliert
ihre Anziehungskraft seit
ich mit viel Fremdem
in mir zurecht kommen muss
unwiderstehlich
bleibt der Drang immer wieder
zu fliehen hinaus
ans Tageslicht dann auf dem
Rückweg zornig und
aufgebracht will ich Feuer
loderndes Restlicht
mitschleifen hineinwerfen
in die gute Nacht
(...)
(kleiner Ausschnitt aus Nicht bei Trost. Tessitura, Z. 40151-40163)
Die stetige Weiterschreibung von Nicht bei Trost kann auf www.franzdodel.ch verfolgt werden.
Franz Dodel tritt am Lyrikfestival zwei Mal auf:
Sa, 7. März, 10.30 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Marion Poschmann, Franz Dodel, Markus Bundi
So, 8. März, 14.15 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Franz Dodel, Zsuzsanna Gahse, Thomas Kunst
Sascha Garzetti
Sascha Garzetti, 1986 in Zürich geboren, lebt heute in Baden. Bereits vier eigenständige Lyrikpublikationen weist sein Werk auf, der neueste Gedichtband heisst Mund und Amselfloh. Die Texte in dem Band handeln vom Eigenleben der Wörter, von den unaussprechlichen auch - mit denen sich aber vielleicht an eine Tür klopfen lässt, die es womöglich noch gar nicht gibt.
Unsere Hände auf dem Küchentisch
wie Tierchen,
die wir nicht zähmen.
Du hast Sätze mitgebracht:
ein Strauß Blumen.
Sie leuchten allmählich.
Vielleicht kann, wenn wir reden,
etwas aus uns werden (…)
(aus Mund und Amselfloh)
Eine Besprechnung von Mund und Amselfloh in der Literaturzeitschrift viceversa.ch.
Sascha Garzetti tritt am Lyrikfestival zwei Mal auf:
Sa, 7. März, 10.30 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Nico Bleutge, Eva Maria Leuenberger, Sascha Garzetti
So, 8. März, 14.15 Uhr: Finale Lieblingsgedicht-Wettbewerb. Miriam Japp liest, es diskutieren: Sascha Garzetti, Camille Luscher
Markus Bundi
Im Kopf ein Karussell
(...)
Was mich beschäftigt
ist noch immer nicht
zugestiegen.
Ob lakonisch oder balladesk, als Momentaufnahme oder Vorstellung, es ist immer der Mensch, der in Markus Bundis Gedichten im Zentrum steht - wie er danach strebt, sein Leben in den Griff zu bekommen, derweil es doch immer das Leben ist, das den Menschen im Griff hat. Es lässt ihn Karussell fahren und in Worte fassen, was sich in der Zeit als Seifenblasen zu formen vermag – sei es im Augenblick auf der Achterbahn, sei es für ein Leben im Marionettentheater. Als gäbe es Zuckerwatte und Lebkuchenherz (fast) umsonst …
Eine Besprechung des Bandes im St.Galler Tagblatt
Markus Bundi tritt am Lyrikfestival zwei Mal auf:
Sa, 7. März, 10.30 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Marion Poschmann, Franz Dodel, Markus Bundi
So, 8. März, 16.00 Uhr: Werkstattgespräch und -lesung mit Nico Bleutge, Markus Bundi, Nathalie Schmid
Tickets fürs Lyrikfestival reservieren: www.aargauer-literaturhaus.ch/tickets
Eva Maria Leuenberger. Foto: zVg.