Judith Schalansky - Als es begann ... / Corona

Wir haben die Schriftstellerin Judith Schalansky um einen Text zum gegenwärtigen Ausnahmezustand gebeten. Sie und andere fünf Schriftsteller/innen wurden aufgrund der Corona-Situation April-Juni 2020 statt in unsere Residenz zu einer ‘Home Writing’-Unterstützung eingeladen. Hier der Beitrag von Judith Schalansky: (Textrechte: © Aargauer Literaturhaus, Abdruck/Kopie verboten.)

Als es begann … von Judith Schalansky

Als es begann, saß ich in der Berliner Staatsbibliothek und arbeitete an einem Text über Mineralien. Die Bücher, die ich, um mich mit meinem Gegenstand vertraut zu machen, durchforstete, trugen Titel wie Wunder der Natur, Die Magie der Steine oder auch Lapidarium des Wissens. Selten fiel es mir so schwer, mein Sujet einzugrenzen. Mineralien fanden sich, so schien es mir jedenfalls, überall – auf dem Mond ebenso wie in Nierensteinen – und hatten zwar klar definierte Eigenschaften, die mir jedoch mangels chemischer Auffassungsgabe wenig Orientierung versprachen. Fahrig blätterte ich durch die Bände mit den glänzenden Abbildungen farbenfroher, oft funkelnder Steinstrukturen. Endlich stieß ich auf eine konkrete Auskunft. Es gab, so las ich, etwa 5300 verschiedene Mineralien, von denen ungefähr 1000 mit bloßem Auge erkennbar waren. Ich hielt mich an diesen beiden Zahlen fest, an ihrem Verhältnis, das mir weder besonders staunenswert noch unerheblich erschien.

8 Menschen, meldeten die Zeitungen am selben Tag, seien in Deutschland infiziert, 8 von 83 Millionen – mit einem Erreger, der mit bloßem Auge zwar nicht auszumachen war, aber unter dem Elektronenmikroskop eine Gestalt von beinahe kristalliner Einprägsamkeit bot.

Wochen später, als die Schulen, Kitas und Restaurants schlossen, Großveranstaltungen wie die Leipziger Buchmesse, der Eurovision Song Contest oder die Olympischen Spiele abgesagt worden waren, und mir noch ein Tag Zeit blieb, um mein Schließfach in der Bibliothek und den Stapel Mineralienbücher aus dem Lesesaalregal zu räumen, war die Fallzahl, die längst auf den Titelseiten der Zeitungen vermeldet wurde, im vierstelligen Bereich.

Abends nahm ich einen leeren Band in die Hand, notierte das Datum, und schrieb den ersten Tagebucheintrag seit Jahren – in dem selbstgewissen Glauben, ab jetzt Zeugnis abzulegen über eine Zeit, der zweifellos einmal ein Kapitel im Geschichtsbuch gewidmet werden würde, auch wenn noch nicht klar war, unter welcher Überschrift. Das Buch war in schwarzes Leder eingebunden, mit goldenen Blattschnitt versehen und das Papier seiner Seiten so dünn, dass sich die Tinte auf die Rückseite durchdrückte. Meine Schrift war mir fremd, vertikal und eckig. Ich schrieb nur noch selten mit der Hand.

Es begann die Zeit der Zahlen. Seit der Mathe-Abiturprüfung waren mir nicht mehr so viele Zahlen, Gleichungen und Graphen begegnet. Immerfort wurden sie herangezogen und aktualisiert, um etwas abzubilden, was doch schwer erfahrbar war. Begriffe wie ›absolute Fallzahl‹, ›Reproduktionsfaktor‹ und ›Dunkelziffer‹ fanden Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. Alles wurde gezählt, sogar die Anzahl der freien Betten auf den Intensivstationen.

Menschen schienen leichter zählbar zu sein als Tiere. Niemand kennt die genaue Anzahl der als Wundermittel gejagten, vom Aussterben bedrohten Schuppentiere oder jene der wegen ihres wasserabweisenden Pelzes zu Massen gezüchteten Marderhunde.

Tagebuch schrieb ich nur zwei Wochen lang. Ich tat mich schwer mit den Zeitformen. Es war unmöglich zu entscheiden, was noch Gegenwart war oder schon Zukunft. Nur die Vergangenheit schien ein unzugänglicher, beinahe zahlenloser Raum. Die einzige Zahl, die ich – außer den Datumsangaben – im Tagebuch notierte, vermeldet den ersten herausgefallenen Zahn unserer Tochter. Angeblich kommt Erzählen von Zählen. Der mesopotamische Ursprung der Schrift liegt in den Listen, die das Korn verzeichnen, das Hab und Gut.

Die Listen, die ständig aktualisiert werden, vermerken die Kranken, die Genesenen und die Toten in den verschiedenen Ländern. Eine jener Listen führt Belgien an. Das Land zählt 9000 Tote von 11,5 Millionen Einwohnern. Belgien, fiel mir unsinnigerweise ein, als die Schulen, Kitas und Restaurants unter Auflagen wieder öffneten, hatte beim Eurovision Contest nur einziges Mal gewonnen, im Jahr 1986, als dieser Wettbewerb noch ›Grand Prix Eurovision de la Chanson‹ hieß. Die 13jährige Sandra Kim, die sich als Fünfzehnjährige ausgab, erhielt mit ihrem Titel J’aime la vie die höchste Punktzahl. Während ich eine dünne Staubschicht von den Mineralienbücher wische, sehe ich mir ihren Auftritt an. Im weißen Seidenblouson und pinker Fliege singt da ein Teenager: Je vois des gens courber le dos / Comme si la vie marquait zéro / Moi j’ai quinze ans et je te dis / Whoa whoa … j’aime la vie / Il faut y croire, j’ai moi aussi / Des flashs d’espoir, des insomnies / Mais au total, à l’addition / J’aime l’horizon J’aime / j’aime la vie.

Textrechte: © Aargauer Literaturhaus, Abdruck/Kopie verboten.

Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr Werk, darunter der international erfolgreiche Bestseller Atlas der abgelegenen Inseln sowie der Roman Der Hals der Giraffe, ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie ist Herausgeberin der Naturkunden und lebt als Gestalterin und freie Schriftstellerin in Berlin.

Judith Schalansky. Foto: zVg.

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