Christoph Simon: Spaziergänger Zbinden.

Lukas Zbinden heisst der 87jährige Mann, der frühere Volksschullehrer, der am Arm des Zivi Kazim Treppe um Treppe des Altersheimes hinuntersteigt. Während dieser „Wanderung“ erzählt Zbinden von seinen Wegen, auf denen er ein Leben lang an der Seite seiner Emilie dem Sinn des Lebens nachgespürt hat. Nach und nach lernt der Leser einen sanftmütigen, geistreichen Mann kennen, der glaubt seinem Begleiter mit Schalk und Humor Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens anzuvertrauen. Dabei erzählt er vor allem die stille, berührende Geschichte der Liebe zu seiner verstorbenen Frau Emilie. Insgesamt entsteht eine Biographie Zbindens, freilich nicht chronologisch.
Der innere Monolog des Protagonisten, Inhalt des ganzen Buches, ist gestaltet in der Art einer assoziativen Logik, indem Szenen und Begegnungen aus dem Leben sich aneinanderreihen, wie es sich aus der Situation ergibt. Zusammengehalten wird dieses ganze Kaleidoskop durch weiderholte kurze Begegnungen im Treppenhaus des Altersheimes, die voller Witz und Komik sind. Es verwundert, wie ein junger Autor sich derart prägnant in alte Menschen und die Atmosphäre eines Altersheimes einzufühlen vermag. Erstaunlich vor allem, wie es ihm gelingt, die Perspektive des sehr viel älteren Spaziergängers Zbinden einzunehmen. In wunderbar schlichter Sprache ist dabei ein Buch entstanden, das dank dieser sinntragenden Hauptfigur tief berührt. Vor einigen Jahren hat der junge Christoph Simon den in der Zwischenzeit verstorbenen Gerhard Meier zu einem langen Gespräch aufgesucht. Das Buch erscheint mir wie eine Hommage an den alten weisen Dichter. (Erich Lüthi)

Bettina Spoerri