Max Dohner: Das Glück der Flüchtigen.

Als hätte er das neue Buch von Max Dohner Das Glück der Flüchtigen schon gekannt, lässt Arne Dahl im Kriminalroman Bussestunde den Poliskommisaire und Philosophen Arto Söderstedt sagen: "Die Leere der Tristesse muss mit Spannung aufgefüllt werden. Wir suchen Spannung in Form von sexuellen Eskapaden, Spiel und Risiko oder Ungesetzlichkeiten. Was immer den Puls höher schlagen lässt." Voilà: Genau das tut sie dann auch, die Romanfigur Bänninger, der Bedenkenlose, nicht der Gedankenlose, nein, das nicht, aber der Getriebene, der übers Meer von Liebesverlangen und Abenteuern in immer heisseren Feuchtgebieten hin und her Geschaukelte, sei es bald in Kuba, bald in Nicaragua. Zugleich aber ist er auch der Verschaukelte. Dafür sorgen die Protagonistinnen in der Karibik, Melibea und Alba als Engel der Unschuld und mit trickreicher Raffinesse. Vielleicht könnte der Flüchtling auch "Pfenninger" heissen, der Pédaleur de Charme, der als moderner Paris mit einem Mädchen ausgerechnet im Fiat Spider Europa – erinnert doch an Zeus – seines Jugend-Freundes Imsand davonbraust und sie später heiratet: Der Raub der Elena, könnte man denken. Ja, das auch, vor allem hat dieser Verrat die Wirkung einer Initialzündung. Das langjährige Ergebnis ist der Dauerbruch einer Freundschaft! Der Zusammenbruch des Vertrauens. Und die Ursache heisst tatsächlich Elena. Elena, die Weiterdenkende und niemandes Kind. Sie ist vielmehr der Trieb, Ziel- und Angelpunkt dieses Trinitäts-Romans mit interkontinentaler Schlagseite. Zugleich ist aber auch sie die Betrogene, die vom treulosen Schuft Bänninger Versetzte. Sie empfängt ihn denn auch nach seinen zentralamerikanischen Eskapaden mit einer Todes-Deklaration und dem Impotenz-Beschluss als kaltblütige Präsidentin des Gerichtshofes der Liebe. Und vor dem schneidet auch die dritte Hauptperson dieses Buches nicht sehr gut ab. Da ist nämlich auch noch der federnlassende Vogelmensch, der nie fliegen wird und kann, der Jurist Imsand, der Bedenkenträger, der Sandkastenspieler und scheinbare Strategieexperte des Lebens, das ihm, mal banal ausgedrückt, dauernd wie Sand durch die Finger davonrieselt. Schlimmer noch, der seine Machtlosigkeit, sein Versagen und seinen Mangel an Lebensinitiative und -intensität mit selbstironischen, um nicht zu sagen selbstzerstörerischen Reflexionen garniert und zu kaschieren versucht, was ihm aber immerhin das Funktionieren und damit das Überleben sichert.
Fazit I: Das Glück der Flüchtigen ist sowohl formal wie inhaltlich ein facettenreicher und vielgliedriger, aber nicht immer einfacher Roman (Warum zum Teufel soll ein Roman denn einfach sein?) über die allgemein anerkannte Erfahrung, wie rasch und leicht das Unglück über Beziehungen herfällt, seien diese nun ausgelebt, wie Bänninger das tut, bewusst rational gestaltet und emotional designt, wie das Elena versucht, oder seien sie eben doch nur erhofft und herbeigewünscht, wie sie Imsand immer wieder resigniert und vage vor sich hin sehnsüchtelt. Und genau deshalb empfehle ich das Buch, und das jederzeit gerne, weil es, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, die man mit dem Autor in heiterer Runde diskutieren möchte, sprachlich über alle 404 Seiten überzeugt. Man wird ein Buch lesen können, das Satz für Satz gefeilt und ziseliert ist und nie verbal oder inhaltlich peinlich wird oder gar entgleist. Dohner lotet subtil Tiefen mit Sinn für Valeurs und mit Gespür für die Nuancen des mot juste aus. Die Sprache ist konzis, wo nötig kurz, wo erforderlich auch mal ausholend, elektrisch aufgeladen, und sie imponiert durch ihr "Staccato-Legato" mit dauerpräsentem Reichtum des Wortmaterials. Nie schlägt deftige Erotik in die Selbstzwecke der Pornographie um. Allerdings muss man in diesem Kontext immer damit rechnen, dass die Zensoren von der traurigen Gestalt konstant glauben, gegen jene Windräder anrennen zu müssen, die nicht von Moral und Sitte angetrieben oder angeblasen werden, an denen vielmehr die "Stürme des Lebens" an den Flügeln gerüttelt haben. Zwei Beispiele zur Sprache: Nummer 1 sei gewählt für die die Kraft, den Witz und die beissende Ironie seiner Metaphern: "Für ihre Oberweite, einen sogenannten Atombusen, wäre die Generation vor uns noch frohlockend ohne Schutzanzug in den Strahlentot gegangen." Nummer 2 steht für die Präzision der Beschreibung, hier zum Exempel einer Strassenrandbeiz: "Brigitte und ich setzten uns an einen Tisch aus halb zersägten Stämmen, als wär’s eine Trapper-Lodge in Wyoming. Nebenan weidete eine lila Plastikkuh, ein Glockenhalsband umgehängt mit aufgemalten Edelweissen. Ein feister, zwinkernder Bäcker aus verstärktem Blech pries den 'Tageshit' an: Wienerli mit Kartoffelsalat. Aus der nahen Imbissbude wehte in Stössen, wann immer die Drehtür aufging, der Dunst von Bratplatten und Fritteusen. Wohnmobile aus Deutschland und Holland kreisten auf der Suche nach Steckdosen." Fazit II: Dass der Eindruck entsteht, der Autor habe sich auch ein paar leidvolle Dinge vom Leib geschrieben, ist in der Regel ein Argument gegen ein Buch. Hier nicht. Denn Dohner beherrscht sowohl den Stoff als auch das Handwerk. Da sind Emotion und Reflexion in austariertem Gleichgewicht. Die Tonlage bleibt sachlich unsentimental aber nicht gefühllos. Da glimmen Gluten unter der Oberfläche. Da werden nicht einfach nackte Fakten erzählt und analysiert, sondern Motive und Hintergründe, Ursachen und Wirkungen vielschichtig und gründlich ausgeleuchtet. Bemerkenswert ist auch das narrative "Jaguar-Tempo", kraftvoll aber nicht reisserisch, eine satte Gangschaltung und ein Sportwagen-Drive, die Handlung vorantreiben und auch vor Selbstironie und Zynismus zu ihrem Glück nicht Halt machen. Die Leere der Tristesse füllt Dohner immer wieder mit Spannung auf, auch mit sexuellen Eskapaden, mit gefährlichem Spiel und Risiko und auch schon mal mit Ungesetzlichkeiten. Also ganz im Sinne von Dahl auch mit dem, "was den Puls höher schlagen lässt". Fazit III: Nun ja, einfach zu lesen ist dieser Roman nicht. Muss er auch nicht. Es lohnt und empfiehlt sich, manche Stellen ein zweites Mal zu reflektieren, zu geniessen oder dann gleich das ganze Buch noch einmal zu lesen. Für das "Glück der Lesenden" ist herausragend gesorgt. (Valentin Trentin)

Bettina Spoerri