Monica Cantieni: Grünschnabel.

Über grossartige Bücher lässt sich schwierig schreiben, denn sie sind an sich ein Erleben, das man schlecht in Worte fassen kann. Beschreibende Worte sind in so einem Fall immer zu eng, zu eckig, zu grob und zu unvollkommen, um das literarische Vergnügen beim Lesen zum Ausdruck zu bringen. Worte, die den Genuss von Sprachkunst, eindrücklicher Symbolik, einzigartigen Metaphern und gewaltigen Sprachbildern, aus welchen im Grünschnabel pure Poesie sprudelt, festhalten möchten, bleiben aus und lassen sich nicht finden. Vermutlich, weil sie irgendwo jenseits der Sprache in Grünschnabels Wortschachteln versteckt liegen und schweigen, damit man als Leser von Grünschnabel Stimmungen, Gefühle und vor allem Bilder als Begleiter auf seinen Weg mitnehmen kann: den Tod als Papierschiff des Adoptivgrossvaters Tat, das jeden irgend einmal zum „anderen Ufer des Jordan“ überführen wird; das Leben als launische Mutter, die „Tabletten gegen das Himmelselend schluckt“; der stille Freund, der immer geduldig zuhört, dem man alle Geheimnisse anvertrauen kann, als das Kaninchen „Schneewittchen“; die Unfreiheit eines Jeden als Vogel „Fast-ohne-Federn“; die Angst vor dem Fremdling in uns als „Überfremdung“; die Hoffnung als die Milena, die im Schrank versteckt bleibt und „… den Himmel auswendig lernt, die Sterne und alles, damit sie sich ohne Probleme zurechtfindet, wenn sie dann mal hinmuss“. Genau diese unvergesslichen Bilder sind es, die Grünschnabel zu einem meiner Lieblingsbücher der deutschsprachigen Literatur gemacht haben. (Evelina Jecker Lambreva)

Bettina Spoerri