Urs Faes: Sommer in Brandenburg.

Ob sie es noch schaffen, Alijah zu machen? Urs Faes zeichnet den Weg von jungen jüdischen Erwachsenen nach, die sich in Deutschland für die Reise nach Palästina bereit machen, in einem der Hachschara-Lager. Doch für einige von ihnen dauert das Warten zu lange… Sommer in Brandenburg verbindet Fakten und Fiktion, authentische Lebensgeschichten mit 'erfundenen' Szenen, und schafft so eine dichte Schilderung des Wartens - ein Grundmotiv in Faes' Schaffen. (Bettina Spoerri)

Eigentlich erst während der letzten drei bis vier Jahrzehnten wurde von namhaften Autoren begonnen, das gorsse Trauma des 20. Jahrhunderts, die Shoah, literarisch zu verarbeiten. Nun hat der Schweizer Schriftsteller Urs Faes sich mit dem berührenden Buch Sommer in Brandenburg sich der Themas in ganz besonderer Weise angenommmen. Mit grossem Einfühlungsvermögen beschreibt er den Alltag junger jüdischer Menschen im Landwerk Ahrendsdorf während der Jahre 1938 bis 1939. Die Institution auf einem Gutshof im Land Brandenburg war eines der Landwerke, der sogenannten Hachscharas, die bis in den Sommer 1939 von den Nazis geduldet, Jugendliche auf ein hartes Pionieroeben in einem Kibbuz in Palästina rüsten sollte. Hier nun schildert der Autor in seinem Buch die aufkeimende und sich entfaltende Liebe zweier junger Menschen, von Ron aus Hamburg und Lissy aus Wien. In ihren Herkunftsorten wie im ganzen Reich hat die Judenverachtung und -verfolgung drastische Formen angenommen. Die Sorgen und Ängste um ihre Angehörigen begleiten die Jugendlichen andauernd. In Briefen und kurzen Telefonaten vernehmen sie von Misshandlungen, plötzlichem Verschwinden von Vätern, Plünderungen von Geschäften, angezündeten Synagogen, aber auch von geglückten Ausreisen nach England oder Schweden mit der ganzen Habe in zwei Koffern. Und sie selber, werden sie zu denen gehören, die eine Ausreisebewilligung erhalten werden, wie alle paar Monate sie einige erhalten? Werden sie beide, Ron und Lissy, dann zusammen bleiben können? Sollen sie gar versuchen, illegal über den Balkan Palästina zu erreichen? Urs Faes versteht es in seiner bildstarken unprätentiösen Sprache in meist kurzen Sätzen die Atmosphäre im Landwerk , die Stimmung zwischen Angst und Hoffnung zu beschreiben. Dabei ist die Arbeit in der Landwirtschaft und der Schreinerei hart, nicht einfach für die zarten Mädchen- und Schülerhände. Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf die Siedlung durchfanatisierte jugendliche Nazibanden. Trotzdem werden auch kleine Feste gefeiert, man trifft sich zu unbeschwerten Abendrunden. Und plötzlich auch wieder das Motorengeheul von hereinstürmenden Gestapoleuten. Lissy gehört zu den Glücklichen einer letzten Ausreisegruppe. Ron wird bleiben. Ihre Liebe aber wird überdauern, diese Liebe, die der Autor behutsam zu malen versteht. Mit sicherem Gespür versteht er sie zu verbinden mit Beschreibungen fein beobachteten Stimmungen der in der Natur voller Poesie. Urs Faes hat für sein Buch ausgiebig und intensiv recherchiert, woran der Leser in drei „Nacherzählungen“ teilhaftig wird. Daraus ist ein zutiefst berührendes Werk gegen das Vergessen entstanden. (Erich Lüthi)

Bettina Spoerri