Aargauer Literaturhaus Lenzburg

Unser Residenzgast Jan.-März 2019:

Barbara Honigmann

Die neue Residenzautorin des Aargauer Literaturhauses ist die deutsche Autorin Barbara Honigmann. Sie wird von Anfang Januar bis Ende März 2019 im Atelier Müllerhaus zu Gast sein.

Am Mittwoch, 9. Januar traf sie (vor ausverkauftem Saal) im Residenzen-Werkstattgespräch im Aargauer Literaturhaus auf ihren Schweizer Kollegen Urs Faes (zuletzt u.a.: «Raunächte», Insel Bücherei 2018), «Halt auf Verlangen», Suhrkamp 2017, «Sommer in Brandenburg», ebd. 2015).

Am Dienstag, 5. März findet bei uns im Aargauer Literaturhaus die Buchpremiere ihres neuen Romans «Georg» (Hanser) statt.

Im Rahmen ihres Residenzaufenthalts wird Barbara Honigmann u.a. auch in Bern, Basel und Zürich auftreten.

 

Barbara Honigmann. Foto: Peter-Andreas Hassiepen.

Barbara Honigmann. Foto: Peter-Andreas Hassiepen.

Barbara Honigmann zählt zur zweiten Generation jüdischer Familien, welche die Shoah überlebt haben. Sie ist die Tochter jüdischer Emigranten, welche die Zeit des Nationalsozialismus im britischen Exil überlebten; 1947, zwei Jahre, bevor die Autorin zur Welt kam, kehrten ihre Eltern wieder nach Berlin zurück.

Nach ihrem Abitur studierte Barbara Honigmann ab 1967 an der Humboldt-Universität in Berlin das Fach Theaterwissenschaft, der Abschluss erfolgte 1972. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Dramaturgin und Regisseurin in Brandenburg und an der Volksbühne sowie am Deutschen Theater in Ost-Berlin. Seit 1975 ist sie freie Schriftstellerin.

Nach der Geburt ihres ersten Kindes setzte sie sich verstärkt mit ihrer jüdischen Identität auseinander. Sie machte sich auf die Suche nach ihrer «verlorengegangenen Religion» (Zitat aus einem Interview), trat in die Ost-Berliner jüdische Gemeinde ein und heiratete 1981 nach jüdischem Ritus. 1984 reiste sie aus der DDR aus und zog nach Strassburg um. In ihrem Buch «Roman von einem Kinde» (1986) spricht sie von einem «dreifachen Todessprung ohne Netz: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich, und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein».

2004 erschien ihr Buch „Ein Kapitel aus meinem Leben“. Darin erzählt Barbara Honigmann, eine Episode aus dem Leben ihrer Mutter, nämlich die kurze Ehe mit dem britischen Meisterspion und Doppelagenten Kim Philby. Der weltberühmte Meisterspion arbeitete als sowjetischer Agent in England, später flüchtete er in die Sowjetunion. Der Roman enthält viele Elemente aus dem realen Leben von Barbara Honigmanns Mutter angelehnt, er stellt allerdings eine Spurensuche dar und reflektiert auf vielschichtige Weise die Tiefenbohrungen der Autorin nach einer Wahrheit.

Auch in ihrem letzten Buch «Chronik meiner Strasse» (Hanser 2015) greift Barbara Honigmann Themen aus ihrem Leben auf, um sie zu fiktionalisieren. Der Roman spielt in der Strasse, in der die Autorin lebt: einer oft etwas abschätzig betrachteten Gegend von Strassburg. In der Rue Edel leben viele Zugezogene, vor allem Juden und Muslime. Barbara Honigmann erzählt Anekdoten aus dem Alltag ihrer Strasse, von orthodoxen und weniger orthodoxen Juden, einem dreibeinigen Hund, von einer älteren Dame, die nicht zurückschreckt vor der Bepflanzung fremder Balkone, oder einem dunkelhäutigen Priester in weissem Gewand. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schreibt zu dem Buch, Barbara Honigmann begegne in ihrer Strasse der ganzen Welt im Kleinen und berichte vom Schweren hinter dem Leichten.

Ihr literarisches Werk ist zahlreich prämiert worden. So hat Barbara Honigmann beispielsweise den Max-Frisch-Preis, den Kleist-Preis, den Solothurner Literaturpreis und zuletzt u.a. den Jakob-Wassermann-Literaturpreis erhalten. Ihre Bücher wurden ins Französische, Italienische, Englische, Ungarische, Norwegische, Niederländische, Portugiesische, Dänische und Finnische übersetzt.

Das Residenzen-Gespräch am 9. Januar mit Barbara Honigmann (l.) und Urs Faes (Mitte) (Mod.: Bettina Spoerri, r.). Foto: Miklós Klaus Rózsa.

Das Residenzen-Gespräch am 9. Januar mit Barbara Honigmann (l.) und Urs Faes (Mitte) (Mod.: Bettina Spoerri, r.). Foto: Miklós Klaus Rózsa.


Ausblick:

2019 und 2020 werden nach Barbara Honigmann Michael Kleeberg, Jan Koneffke, Maria Cecilia Barbetta und Nora Bossong unsere Residenzgäste sein.

 

Die Residenz

Das Aargauer Literaturhaus ist nicht nur ein Haus für Veranstaltungen, Werkstätten und Retraiten; seit 2007 bietet es in Form eines Schreibateliers auch ein Zuhause für Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

 
 
Das Atelier-Haus mit der Garten-Wohnung - im Hintergrund das Müllerhaus, in dem sich das Literaturhaus befindet.

Das Atelier-Haus mit der Garten-Wohnung - im Hintergrund das Müllerhaus, in dem sich das Literaturhaus befindet.

Blick in die Atelier-Residenz-Wohnung.

Blick in die Atelier-Residenz-Wohnung.

Atelier Müllerhaus des Aargauer Literaturhauses

Pro Jahr leben und arbeiten jeweils während drei Monaten Deutsch sprechende Schriftstellerinnen oder Schriftsteller aus dem Ausland jeweils während dreier Monate im ehemaligen Gartenhaus des schönsten Aargauer Bürgerhauses des 18. Jahrhunderts.

Die Umnutzung des einstigen Gartenhauses entspringt einer gemeinsamen Initiative des Aargauer Kuratoriums und des Aargauer Literaturhauses. Während die Betreiberin des Literaturhauses, die Stiftung Dr. Hans Müller und Gertrud Müller Lenzburg, die Kosten für Umbau und Unterhalt der Residenz trug bzw. trägt, übernimmt das Aargauer Kuratorium den Beitrag an die Lebenshaltungskosten der eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Das Literaturhaus schliesslich ist zuständig für die inhaltliche Betreuung der Autor/innen, ihre Einbindung ins Veranstaltungsprogramm des Literaturhauses und die Vernetzung mit dem Schweizer Literaturbetrieb.

 

Die Einladung ins Müllerhaus

Die Wahl der Einzuladenden trifft eine Projektgruppe, die sich zurzeit aus Bettina Spoerri (Leitung Literaturhaus), Hans Ulrich Probst (ehemals Leiter Literatur DRS bzw. SRF, Vertreter Kuratorium), Gabi Umbricht (Aargauer Kuratorium) und Christine Lötscher (Literaturkritikerin, Vertreterin Müller-Stiftung) zusammensetzt.

Der Aufenthalt im «Atelier Müllerhaus», frei von gesellschaftlichen Verpflichtungen, soll ebenso dem stillen Schreiben wie dem Austausch mit der Schweizer Literaturszene dienen. Ein bis zwei unentgeltliche Auftritte der Gäste im Rahmen des Literaturhaus-Programms sind die einzige feste Verpflichtung.

Keine Bewerbung möglich

Bitte beachten Sie, dass man sich für das Atelier-Stipendium nicht bewerben kann; die Gäste werden ausschliesslich von der Kommission ernannt und eingeladen.

 

Bisherige Gäste

 
Michael Stavaric. Foto: Yves Noir.

Michael Stavaric. Foto: Yves Noir.

Michael Stavaric

Österreich/Tschechien
September - November 2018
Sein Text zum Aufenthalt

Lutz Seiler. Foto: Jürgen Bauer.

Lutz Seiler. Foto: Jürgen Bauer.

Lutz Seiler

Deutschland
April - Juni 2018

Mirko Bonné. Foto: Dirk Skiba.

Mirko Bonné. Foto: Dirk Skiba.

Mirko Bonné

Deutschland
Januar - März 2018

 
Foto: Thomas Andenmatten

Foto: Thomas Andenmatten

Thomas Hettche

Deutschland
September–November 2017

Foto: Bodenberger Photographie

Foto: Bodenberger Photographie

Ursula Krechel

Deutschland
April–Juni 2017

Foto: Jan Rasch

Foto: Jan Rasch

Jaroslav Rudiš

Tschechien
Januar–Mai 2017

 

Unsere Gäste in den Jahren 2007-2016: Dzevad Karahasan, Inka Parei, Nora Iuga, Ales Rasanau, Alois Hotschnig, Bora Cosic, Antje Rávic Strubel, Sibylle Lewitscharoff, Asher Reich, Katja Lange-Müller, Laszlo Vegel, Ulrike Kolb, Juri Andruchowytsch, Nina Jäckle, Zsófia Balla und Csaba Báthori, Michael Donhauser, Franziska Gerstenberg, Ales Steger, Felicitas Hoppe, Cécile Wajsbrot, Olga Grjasnowa, Marion Poschmann, Ron Winkler, Kurt Drawert, Julya Rabinowich, Silke Scheuermann, Stephan Thome.